Was ist Brainspotting?


Eine tiefenpsychologisch und körperorientierte Methode zur Traumaverarbeitung, die eine direkte Verarbeitung von akuten, traumatischen Belastungen im Gehirn ermöglicht. Brainspotting (BSP) ist ein neuartiger psychotherapeutischer Ansatz, der davon ausgeht, dass therapierelevante physiologische und emotionale Empfindungen mit Augenpositionen innerhalb des Gesichtsfeldes zielgerichtet aktiviert werden können. Spontan auftretende Reflexe aus dem Hirnstamm ermöglichen die genaue Lokalisierung der Augenposition, so dass das eingekapselte, unverarbeitete, traumatisches Material im Gehirn eines Klienten schonend ohne Retraumatisierung verarbeitet werden kann. Der Klient ist währenddessen bei vollem Bewusstsein, ohne den psychischen Stress dabei wieder zu erleben. Der Begriff »Brainspotting« stammt von dem amerikanischen Psychoanalytiker David Grand. "brain" bedeutet Gehirn und  "spotting" (to spot) meint erspähen, erblicken, ausfindig machen. Brainspotting oder kurz BSP nutzt zwei Wirkmechanismen, die fokussierte Aktivierung impliziter Gedächtnisinhalte und die sogenannte »fokussierte Achtsamkeit« im therapeutischen Prozess. "Wir sind heute in der Lage, das Gesichtsfeld dafür zu nutzen, um das menschliche Gehirn zu scannen, um quasi zu erkennen, wo das eigentliche Problem sitzt und wo Stärken und Lebenskräfte zu finden sind" (meint David Grand in einem Interview, 2011). Das Ziel der Methode ist eine vollständige Auflösung blockierter Erregung im Gehirn und im Körper. Brainspotting ist ein Ansatz zur Aktivierung impliziter Information und von Ressourcen auf der Grundlage psychodiagnostischer und entwicklungsbezogener Überlegungen. Das Brainspotting-Modell untermauert die Gestaltung der therapeutischen Beziehung und die spezifisch-therapeutische Vorgehensweise, sowohl philosophisch als auch physiologisch. "BSP ist ein offenes und umfassendes Modell, das den Therapeuten dazu einlädt, die zuvor erlernten Methoden wie auch sein praktisches Wissen weiter zu verwenden" (David Grand, In: Trauma & Gewalt, Heft 3, 2011). Ein großer Vorteil gegenüber anderen etablierten traumaspezifischen Verfahren wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder PITT (Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie) ist, dass eine indirekte Traumatisierung des/r Therapeuten/in deutlicher geringer ist, weil die KlientInnen während des Traumaprozessierens erlebte Inhalte nicht laufend aussprechen müssen. Es erweist sich als viel schonender für die BehandlerInnen und hält den sogenannten ,Empathiestress' gering.

Wer ist der Begründer David Grand?


David Grand, Ph.D. arbeitet als Psychotherapeut in freier Praxis in New York. Als Psychoanalytiker ausgebildet, lernte er bei Francine Shapiro EMDR und später bei Peter Levine Somatic Experiencing. Grand ist Experte für Psychotraumatologie. Als Entdecker und Entwickler von Brainspotting leitet er Ausbildungsseminare zur Traumabehandlung und Leistungssteigerung in den USA, Europa, dem Mittleren Osten, Südafrika und Südamerika. Er ist Entwickler und Produzent von CD‘s zur akustischen biolateralen Stimulierung. Kurz nach dem Hurrikan Katrina hat Grand mit akut traumatisierten Opfern vor Ort gearbeitet, worüber eine Doku gedreht wurde. Grand wendet Brainspotting ebenfalls bei Leistungs- und Kreativitätsblockaden in Sport und Kunst an.

Wie funktioniert Brainspotting?


Brainspotting benötigt bei Personen mit Monotraumata, die unter akuten Belastungsstörungen leiden, normalerweise ein bis zwei Sitzungen um die Symptome und deren Ursachen zu verarbeiten. Bei mehrfach belasteten Menschen (Komplextrauma) benötigt man mit Brainspotting viel mehr Sitzungen, um eine belastungsarme oder –freie Lebensführung zu erreichen. Aus heutigem Wissensstand ist die Behandlungsdauer von Menschen mit komplexen Traumata mit Brainspotting dennoch deutlich kürzer und schonender gegenüber bisherigen, bekannten Traumatherapieverfahren, wie tf-CBT (trauma focused cognitive behavioral therapy) oder EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Das Vorgehen ist eine Weiterentwicklung von Somatic Experiencing und EMDR mit dem Unterschied einer direkten Traumaverarbeitung im Unbewussten. Bei Brainspotting werden folgende Techniken verwendet: Inneres Fenster, Äußere Fenster, Brainspotting mit einem Auge, Gaze Spotting, Z-Achse und Konvergenz, Doppel-Brainspotting.

Brainspotting ist ein junger Behandlungsansatz, der darauf basiert, dass das Gesichtsfeld dazu dient, Augenpositionen zu lokalisieren, die mit traumatisch-belastenden Ereignissen verknüpft sind. Quasi jede bedeutende Lebenserfahrung weist im Körper bzw. im Limbischen System, dem „emotionalen Gehirn“ eine korrespondierende Verbindung auf. Wenn nun die Klientin mittels ihrer Augen innerhalb des Gesichtsfeldes den korrespondierenden, sogenannten Brainspot gefunden hat, kommt es zu einer Aktivierung oder Erregung im Mittelhirn des Hirnstammes und zu Projektionen insbesondere in: Amygdala und Hippocampus im Limbischen System. Die Verarbeitung beginnt und die Erregung nimmt nach einer gewissen zeit kontinuierlich ab. Zur Selbsteinschätzung der Belastungsstärke verwenden wir eine Belastungsskala von 0 bis 10, auch SUD (Subject Units of Distress) genannt (nach Wolpe, 1969).

Wie wirkt Brainspotting?


„Wohin man blickt beeinflusst wie man sich fühlt.“ (GRAND 2010). Brainspotting bedient sich dieses natürlichen Phänomens, indem eine bestimmte Augenposition mithilfe eines Zeigestabes, auf den die Augen der Klientin gerichtet sind, exakt festgestellt wird. Wenn der belastendste Augen-Punkt gefunden ist, werden bei der Klientin Reflexe des Hirnstammes aktiviert, wie z.B.: vermehrtes Blinzeln, Augenzuckungen, Augen wackeln, Pupillenerweiterung, abruptes Einatmen, Verengen der Augen u.v.m.

Die Behandlung zielt darauf hin, den Brainspot zu aktivieren, zu lokalisieren und durch zu prozessieren. Die Verarbeitung einer posttraumatischen Belastungsstörung benötigt keine kognitiv-bewusste Aufarbeitung des Ausgangsthemas mehr, was in der Traumatherapie bisher nicht gelang. Die Belastung, die bei Beschreibung des Themas, an dem eine Klientin arbeiten möchte, wahrgenommen wird, wird aktiviert, im Körper wahrgenommen und durchprozessiert. Brainspotting unterstützt die natürliche Kompetenz des Gehirns zur Traumaverarbeitung ohne therapeutische Hypothesen oder Deutungen, sondern durch eine akzeptierende und neugierig-beobachtende Grundhaltung.