Was ist Brainspotting?

© Kopierrechte Mag. Thomas Weber


Brainspotting ist eine tiefenpsychologische und körperorientierte Methode zur Verarbeitung von psychischem oder traumatischem Stress. Es ermöglicht eine spontane, unmittelbare Verarbeitung traumatischer Belastungen im Gehirn, ohne dass bewusste Erinnerungen vorhanden sein müssen. Während einer Behandlung mit Brainspotting entsteht in den tieferen Gehirnstrukturen eine Aktivierung, die unmittelbar zu Reflexen im Augenbereich und Gesicht führen, wie z.B.: vermehrtes Blinzeln, Augenzuckungen, Augen wackeln, Pupillenerweiterung, abruptes Einatmen, Verengen der Augen usw. Je nachdem wo der Klient hinschaut, wird das belastende Thema im Körper stärker oder schwächer wahrgenommen. Ein Brainspot ist dort zu finden, wo die Reflexe am stärksten wahrgenommen werden. Er wird meist mithilfe eines Teleskop-Zeigestabs gefunden, damit die Augenposition vom Klienten leicht beibehalten werden kann. Es treten unmittelbar Körpersensationen, Gefühle oder traumatische Erinnerungen auf, welche Im Gegensatz zu Flashbacks nicht mit dem Bewusstsein gekoppelt sind und daher schonend und direkt verarbeitet werden können. Der Klient ist währenddessen bei vollem Bewusstsein, ohne den psychischen Stress dabei wieder zu erleben. Zur Selbsteinschätzung des traumatischen Stresses verwenden wir am Anfang und Ende einer Sitzung die gestufte Belastungsskala nach Wolpe, 1969 von „0“ kein Stress bis „10“ maximaler Stress, auch SUD (Subject Units of Distress) genannt. Als Entspannung des Gehirns wirkt sich die Verwendung spezieller biolateraler Musik über Kopfhörer förderlich aus. Brainspotting (BSP) ist einer der ersten neuropsychotherapeutischen Ansätze, bei dem eine vollständige Auflösung von psychischem Stress möglich geworden ist; sogar dann, wenn belastende Erfahrungen in sehr früher Kindheit, perinatal oder pränatal bestehen, die beim Klienten nicht abrufbar bzw. nicht erinnerbar sind. Wie wir heute aus Ergebnissen der bildgebenden, modernen Hirnforschung wissen, führt chronisch psychischer Stress zu einem reduzierten Volumen im Gedächtnisspeicher des Gehirns, auch Hippocampusformation bezeichnet, was zu diversen Formen von Gedächtnisstörungen führen kann. Gleichzeitig werden im „Angst-Warn-Zentrum“ oder Amygdala im Gehirn dieser Menschen in großen Mengen Stresshormone ausgeschüttet. Eine Dauererregung dieser Art findet man insbesondere bei Menschen mit: posttraumatischen Belastungsstörungen, Panikattacken, Phobien, Depressionen, chronisch-emotionalem Stress und sexuellem Kindesmissbrauch. Traumatisierte Menschen sind davon am meisten betroffen. Mithilfe dieser neuen „Technik“ werden Klienten nicht mehr retraumatisiert, und es hält den Empathie Stress bei Therapeuten sehr gering. Dadurch sind täglich mehrere intensive Trauma Behandlungen für Therapeuten möglich geworden.
Der Begriff »Brainspotting« stammt von dem amerikanischen Psychoanalytiker David Grand. "brain" bedeutet Gehirn und "spotting" (to spot) meint erspähen, erblicken, ausfindig machen. Wir sind heute in der Lage, das Gesichtsfeld dafür zu nutzen, um das menschliche Gehirn zu scannen. Wir können damit erkennen, wo das eigentliche Problem sitzt und woraus es sich zusammensetzt. Brainspotting nutzt die Neuroplastizität des Gehirns zur Traumaverarbeitung ohne therapeutische Hypothesen oder Deutungen, sondern durch eine akzeptierende und neugierig-beobachtende Grundhaltung. Ziel der Methode ist eine vollständige Auflösung blockierter Erregung im Gehirn und im Körper eines Mneschen. Das Brainspotting-Modell lässt sich gut mit allen anerkannten psychotherapeutischen Methoden verbinden, da es die therapeutischen Beziehung und die spezifisch-therapeutische Vorgehensweise nützt. Grand nennt es zu Recht „dual attunement“ (dt. zweifache Feinabstimmung mit dem Klienten). Brainspotting ist einerseits beziehungsorientiert und andererseits neurobiologisch (Grand, 2012). Es nutzt die natürliche Kompetenz des Gehirns zur Traumaverarbeitung ohne therapeutische Hypothesen oder Deutungen, sondern durch eine akzeptierende und neugierig-beobachtende Grundhaltung.

Der Entdecker und Begründer


David Grand, Ph.D. arbeitet als Psychotherapeut in freier Praxis in New York. Als Psychoanalytiker ausgebildet, lernte er bei Francine Shapiro EMDR und später bei Peter Levine Somatic Experiencing. Grand ist Experte für Psychotraumatologie. Als Entdecker und Entwickler von Brainspotting leitet er Ausbildungsseminare zur Traumabehandlung und Leistungssteigerung in den USA, Europa, dem Mittleren Osten, Südafrika und Südamerika. Er ist Entwickler und Produzent von CD‘s zur akustischen biolateralen Stimulierung. Kurz nach dem Hurrikan Katrina hat Grand mit akut traumatisierten Opfern vor Ort gearbeitet, worüber eine Doku gedreht wurde. Grand wendet Brainspotting ebenfalls bei Leistungs- und Kreativitätsblockaden in Sport und Kunst an.

Anwendungsbereiche von Brainspotting


Brainspotting benötigt bei Personen mit Monotraumata, die unter akuten Belastungsstörungen leiden, normalerweise ein bis zwei Sitzungen um die Symptome und deren Ursachen zu verarbeiten. Bei mehrfach belasteten Menschen (Komplextrauma) benötigt man mit Brainspotting viel mehr Sitzungen, um eine belastungsarme oder –freie Lebensführung zu erreichen. Brainspotting lässt sich gut und erfolgreich anwenden bei: Akuten, komplexen und einfachen Traumata, posttraumatischen Belastungsstörungen, Panikattacken, generalisierten Angststörung, Depressionen, manifesten Zwangsstörungen, Suchterkrankungen, Leistungs- und Auftrittsblockaden, chronisch-psychosomatischen Erkrankungen, Bindungsstörungen, Borderline Störungen, Schlafstörungen, Essstörungen, chronischen Kopfschmerzen, Migräne, Fibromyalgie und verschiedenen Formen dissoziativer Störungen. Viele psychiatrische Störungsbilder des ICD-10 und DSM-IV erweisen sich heute als Folgestörungen von Kindheits-Traumata und sind mit Brainspotting effektiv behandelbar geworden. Aus heutigem Wissensstand ist die Behandlungsdauer von Menschen mit komplexen Traumata mit Brainspotting dennoch deutlich kürzer und schonender gegenüber bisherigen, bekannten Traumatherapieverfahren, wie tf-CBT (trauma focused cognitive behavioral therapy), EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder PITT (PsychoImaginative TraumaTherapie). Das Vorgehen ist eine Weiterentwicklung von Somatic Experiencing und EMDR mit dem Unterschied einer direkten Traumaverarbeitung im Unbewussten. Bei Brainspotting werden folgende Techniken verwendet: Inneres Fenster, Äußere Fenster, Brainspotting mit einem Auge, Gaze Spotting, Z-Achse, Konvergenz sowie Doppel-Brainspotting.

Brainspotting ist ein junger Behandlungsansatz, der darauf basiert, dass das Gesichtsfeld dazu dient, Augenpositionen zu lokalisieren, die mit traumatisch-belastenden Ereignissen verknüpft sind. Quasi jede bedeutende Lebenserfahrung weist im Körper bzw. im Limbischen System, dem „emotionalen Gehirn“ eine korrespondierende Verbindung auf. Wenn nun die Klientin mittels ihrer Augen innerhalb des Gesichtsfeldes den korrespondierenden, sogenannten Brainspot gefunden hat, kommt es zu einer Aktivierung oder Erregung im Mittelhirn des Hirnstammes und zu Projektionen insbesondere in: Amygdala und Hippocampus im Limbischen System. Die Verarbeitung beginnt und die Erregung nimmt nach einer gewissen zeit kontinuierlich ab. Zur Selbsteinschätzung der Belastungsstärke verwenden wir eine Belastungsskala von 0 bis 10, auch SUD (Subject Units of Distress) genannt (nach Wolpe, 1969).